13. Juli 2014 – Dringender Aufruf der Zivilgesellschaft in Gaza: Handelt jetzt!

13.7.2014

Wir, Palästinenser_innen, die im blutigen und belagerten Gazastreifen in der Falle sitzen, rufen die Menschen aus aller Welt, die ein Gewissen haben, auf, sofort zu handeln: Protestiert, intensiviert die Boycotte, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel, bis es seinen mörderischen Angriff auf unsere Bevölkerung beendet und zur Rechenschaft gezogen wird!

Während die Welt uns wieder einmal den Rücken zuwendet, mußten wir hier in Gaza in den letzten Tagen ein Massaker nach dem anderen erleben. Während wir diese Worte schreiben, sind bereits über 120 [729 am 24.7. vormittags] Palästinenser_innen getötet worden, darunter 25 Kinder. Über 1.000 [über 4000 am 24.7.] wurden verletzt, darunter viele Schwerstverletzte, die ihr Leben lang eingeschränkt sein werden. Mehr als 2/3 der Verletzten sind Frauen und Kinder.

Wir wissen, dass viele mehr die nächsten Tage nicht überleben werden. Wer von uns wird als nächstes getroffen, während wir heute Nacht in unseren Betten liegen, wachgehalten vom Lärm des Blutvergießens um uns herum? Werden wir das nächste Foto sein, bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt von Israels hochmoderner Tötungsmaschinerie?

Wir fordern, den Verbrechen und der Unterdrückung gegen uns endgültig ein Ende zu setzen. Wir fordern:

  • Ein Waffenembargo und Sanktionen gegen Israel, die die Waffenlieferungen und die Militärhilfe aus Europa und den USA stoppen, die Israel für seine Kriegsverbrechen braucht.
  • Die Aussetzung aller Handelsabkommen und bilateraler Verträge mit Israel, etwa das EU-Israel-Assoziationsabkommen.
  • Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen, wie sie der Aufruf der überwältigenden Mehrheit der palästinensischen Zivilgesellschaft von 2005 verlangt.

Das israelische Regime hat immer wieder bewiesen, dass es ohne Druck und Isolation weiterhin Massaker wie das, das wir gerade erleben, verüben und seine jahrzehntelange Praxis der ethnischen Säuberungen, der militärischen Besatzung und der Apartheidpolitik fortsetzen wird.

Wir schreiben dies Sonntagnacht, wie gelähmt in unseren Häusern, während die Bomben auf uns in Gaza fallen. Wer weiß, wann dieser Angriff enden wird? Allen hier, die älter als sieben sind, haben sich die Blutströme, die 2009 für über drei Wochen durch Gaza flossen, für immer in die Erinnerung gebrannt. 1,400 Palästinenser_innen wurden damals getötet, darunter über 330 Kinder.

Weißer Phosphor und andere chemische Waffen wurden in zivilen Gegenden eingesetzt und haben unser Land dauerhaft verseucht, was zu einem Anstieg der Krebsraten geführt hat. Mehr als 180 wurden in dem einwöchigen Angriff Ende November 2012 getötet.

Wie viele werden es diesmal sein? 200, 500, 5,000? Wir fragen: Wie viele unserer Leben müssen wir verlieren, bevor die Welt handelt? Wie viel unseres Blutes muss noch fließen? Vor dem Anfang der israelischen Bombardierungen rief ein Mitglied der israelischen Knesset, Ayelet Shaked von der rechtsaußen Partei Jüdisches Heim, zu einem Genozid an der palästinensischen Bevölkerung auf.

„Sie sollten verschwinden, wie auch ihre Häuser, in denen sie die Schlangen groß gezogen haben,” sagte sie, „sonst werden dort nur weitere kleine Schlangen herangezüchtet“. Nichts scheint der mörderischen Natur des israelischen Staates mehr unmöglich, denn wir, eine Bevölkerung die hauptsächlich aus Kindern besteht, sind für sie nur noch Schlangen.

Wie Omar Gharib in Gaza sagte: „es war herzzerreißend, die Bilder von kleinen Mädchen und Jungen zu sehen, die grausam getötet wurden. Auch wie eine ältere Frau wurde durch Bomben getötet, die auf ihr Haus fielen, als sie ihr Ramadanfasten brach. Sie starb mit einem Löffel in ihrer Hand, ein Bild, das lange brauchen wird, um mir wieder aus dem Kopf zu gehen.”

Ganze Häuser werden zerstört, ganze Familien ermordet. Am frühen Donnerstagmorgen wurde die gesamte al-Haj Familie ausgelöscht, der Vater Mahmoud, die Mutter Bassema und fünf Kinder. Ohne Warnung wurde eine Familie zum Ziel und aus dem Leben gerissen. Donnerstagnacht wiederholte sich das: Keine Warnung, fünf weitere Tote, davon vier aus der Ghannam Familie, eine Frau und ein sieben-jähriges Kind darunter.

Am Dienstagmorgen erhielt die Kaware Familie einen Anruf, der sie darüber informierte, dass ihr dreistöckiges Haus bombardiert werden würde. Die Familie begann, das Haus zu verlassen, als ein Wassertank getroffen wurde. Dann kehrte sie jedoch zusammen mit zahlreichen Menschen aus der ganzen Nachbarschaft zurück, die ihnen beistehen wollten. Die israelischen Kampfflugzeuge bombardierten das Gebäude, auf dessen Dach sich die Leute versammelt hatten, in vollem Bewusstsein, dass es voller Zivilist_innen war. Sieben Menschen starben sofort, darunter fünf Kinder unter 13 Jahre. 25 weitere wurden verletzt und der achtjährige Seraj Abd al-Aal erlag später am selben Abend seinen Wunden.
Vielleicht hatte diese Familie versucht, an die Menschlichkeit des israelischen Regimes zu appellieren, in der Annahme, sie würden ein Haus, dessen Dach voller Menschen ist, sicher nicht bombardieren. Aber der Anblick der Familien, die um uns herum zerfetzt werden, macht uns klar, dass Israels Handeln nichts mit Menschlichkeit zu tun hat.

Andere Ziele, die getroffen wurden, waren z.B. ein deutlich gekennzeichnetes Medienfahrzeug, wobei der unabhängige Journalist Hamed Shehab getötet und acht weitere Menschen verletzt wurden, ein Rettungsfahrzeug des Roten Halbmonds und ein Krankenhaus, was zu Evakuierungen und mehr Verletzten führte.

Dieser neuste Ausbruch israelischer Barbarei muss im Kontext von Israels unmenschlichen, seit sieben Jahren anhaltenden Blockade gesehen werden. Diese Blockade verhindert, dass Menschen ein- und ausreisen und lebenswichtige Waren in den Gazastreifen gelangen können und verursacht so eine andauernde Unterversorgung mit Medikamenten und Nahrung, die nun zu einer katastrophalen Situation in allen unseren Krankenhäusern und Kliniken führt.

Die Einfuhr von Zement, das dringend für den Wiederaufbau der tausenden bei israelischen Angriffen zerstörten Häuser gebraucht wird, ist verboten. Vielen kranken und verletzten Menschen wird die Ausreise für eine lebensnotwendige medizinische Behandlung im Ausland verwehrt, wodurch bereits über 600 Patienten gestorben sind.

Ständig erreichen uns neue Nachrichten. Israelische Politiker versprechen, zum nächsten Level an Brutalität überzugehen und wir wissen, das uns noch mehr Horror bevorsteht. Deshalb appellieren wir an euch, uns nicht den Rücken zu drehen. Steht auf für Gerechtigkeit und Menschlichkeit und demonstriert und unterstützt die mutigen Männer, Frauen und Kinder im Gazastreifen, denen die dunkelsten Zeiten bevorstehen. Wir bestehen darauf, dass die internationale Gemeinschaft handelt:

  • Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel
  • Gerichtsverfahren wegen Kriegsverbrechen
  • Sofortiger internationaler Schutz für die Zivilbevölkerung in Gaza

Wir rufen euch alle auf, schließt euch der wachsenden internationalen Kampagne von Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen an, um diesen Schurkenstaat zur Rechenschafft zu ziehen, der einmal mehr so viel Gewalt ausübt, ohne dass versucht wird, ihm Einhalt zu gebieten.
Schließt euch der weltweit wachsenden kritischen Masse an, bis zu dem Tag, an dem palästinensische Kinder nicht mehr mit unablässigen Morden und Zerstörungen durch das israelische Regime aufwachsen müssen. Bis wir uns frei bewegen können, die Belagerung und die Besatzung beendet sind und den palästinensischen Flüchtlingen in aller Welt Gerechtigkeit zuteil wird.

Handelt jetzt, bevor es zu spät ist!
Unterzeichnet von:

Palestinian General Federation of Trade Unions;
University Teachers’ Association in Palestine;
Palestinian Non-Governmental Organizations Network (Umbrella for 133 orgs);
General Union of Palestinian Women;
Medical Democratic Assembly;
General Union of Palestine Workers;
General Union for Health Services Workers;
General Union for Public Services Workers;
General Union for Petrochemical and Gas Workers;
General Union for Agricultural Workers;
Union of Women’s Work Committees;
Pal-Cinema (Palestine Cinema Forum);
Youth Herak Movement;
Union of Women’s Struggle Committees;
Union of Synergies—Women Unit;
Union of Palestinian Women Committees;
Women’s Studies Society;
Working Woman’s Society;
Press House;
Palestinian Students’ Campaign for the Academic Boycott of Israel;
Gaza BDS Working Group;
One Democratic State Group

Englisches Original: http://www.bdsmovement.net/2014/urgent-call-from-gaza-civil-society-act-n